Dr. Harald Kegler
Ressource Region: REGIONALPARK MITTELDEUTSCHLAND
Der Regionalpark Mitteldeutschland ist eine Gestaltungs-Vision und eine
politische wie kulturelle Strategie zur regionalen Entwicklung. Dieser Ansatz
steht für ähnliche Tendenzen, Herausforderungen und Handlungsoptionen regionaler
Gestaltung in anderen urbanisierten oder suburbanisierten Gebieten der
industrialisierten Welt, die sich im rapiden Wandel zu einer „postindustriellen“
befindet. Der Regionalpark Mitteldeutschland gewinnt zugleich seit über einem
Jahr an praktische Konturen – er wird auf verschiedenen Ebenen der Region, der
politischen Gremien, von Initiativen, Unternehmen und Verbänden diskutiert, zur
Kenntnis genommen, mit Euphorie oder Skepsis betrachtet, ungläubig beobachtet
und gleichzeitig mit konkreten Planungen und Vorhaben vorangetrieben. Er ist „im
Fluss“. Er ist – so die These - konkreter Ausdruck einer „Ressource neuer Art“
für die räumliche Gestaltung.
Die planerische Vorstellung vom Regionalpark stellt jedoch nicht nur eine
weitere Idee zur Gestaltung einer Stadt-Landschaft dar. Mit diesem Ansatz wird
an Grundfesten der regionalen Planung gerührt. Auf europäischer Ebene der
Raumordnung ist zwar in den letzten Jahren einiges in Bewegung geraten und mit
dem EUREK, dem rahmen für die kontinentale Regionalentwicklung, ist ein
wichtiger Schritt getan wurden, doch die räumliche Planung hinkt der rasanten
Entwicklung in der Wirtschaft im globalen Kontext hinterher. Will die Region
eine Ressource sein (oder werden), dann bedarf sie einer neuen Art der
konzeptionellen Erschließung.
1. Das Ende der Raumordnung
Es ist unübersehbar: die Tage der alten, an hierarchischen Vorstellungen
orientierten Planung, wie sie seit über 70 Jahren die Praxis regionaler und
Stadtplanung dominieren sind gezählt. Ob es in Deutschland die Raumordnung ist
oder ähnliche Vorstellungen in anderen Staaten der Europäischen Union,
Osteuropas, Fernost oder Nordamerika – überall werden auf ganz unterschiedlicher
rechtlicher Verfassung und verschiedenen Planungsstrukturen immer noch die
verbreiteten Vorstellungen zur Grundlage von räumlichen Perspektiven gewählt,
die davon ausgehen, dass es eine Hierarchie der Siedlungsstrukturen gibt. Doch
das Gebäude wackelt. Seit Christopher Alexander vor 35 Jahren verkündete „The
City is not a Tree!“ beginnt Zweifel an der stringenten Organisation des
städtischen Raumes vom „Oberzentrum“ bis zum „Unterzentrum“ Platz zu greifen.
Mit dem Übergang von der alles beherrschenden Industrie und ihren räumlichen
Organisationsmustern in den urbanen und suburbanen Regionen zu einer
„postindustriellen“ Entwicklung, in welcher nicht mehr die Industrie im
herkömmlichen Sinne Raumstrukturen vorgibt, setzt die Suche nach neuen
Planungsmodellen ein. Das ist seit etwa 10 Jahren intensiv der Fall. Das 1999
verabschiedete europäische Raumentwicklungskonzept EUREK hat dieser Problematik
bereits in Ansätzen Rechnung getragen, indem es einen „Orientierungsrahmen für
eine ausgewogene und nachhaltige Entwicklung“ umriss. Zunehmend gewinnen
sogenannte informelle Planungen an Bedeutung. Die Raumordnung erweist sich als
zu träge, zu weit von der Wirklichkeit einer rasant umbrechenden Entwicklung mit
Schrumpfungen und Expansionen, mit neuen Medien und sozialen Verschiebungen
bisher ungekannter Dimensionen entfernt. Sie hinkt der Entwicklung gnadenlos
hinterher.
2. Vom linearen Planen zum Planen in chaotischen Systemen
Die Transformation heißt zunächst: Regionalentwicklungsplanung – eine etwas
sanftere Form der immer noch totalen Planungsanspruch verfolgenden
hierarchischen Raumordnung. Diese ist passe’! Neue Kooperationsformen zwischen
dem öffentlichen und privaten Sektor verlangen nach neuen, flexiblen
Planungsmodellen. Mehr noch: die postindustrielle Entwicklung, in der
Globalisierung und Regionalisierung zusammenfließen als zwei Seiten ein und der
selben Medaille, stellt den Übergang des Planungsdenkens von linearen Systemen
(zu denen gehören z. B. die bekannten hierarchischen Planungsmodelle wie die
„Satellitenstadt“/“Gartenstadt“, die „zentralen Orte“ oder
„Knoten-Bänder-Strukturen“) zu den nichtlinearen Modellen dar. Fraktale sei hier
das Stichwort. Nun soll nicht einer mechanischen Analogie zur Fraktaltheorie das
Wort geredet werden. Doch liegt hier der Schlüssel zu einem neuen Verständnis
der Planung von Regionen.
Wenn also die Region als Ressource erschlossen werden soll und nicht einfach nur
durch Infrastrukturentwicklung fit gemacht werden soll für den internationalen
Kapitalmarkt, dann müssen die Planungsmodelle bisherige Systeme überwinden,
komplexer werden und zugleich handlungsfähiger. Ressource Region heißt somit
zuerst, das alte Planungsdenken radikal zu überwinden. Das schließt eine neue
Offenheit der Planung, eine neue Planungsdemokratie ein. Sie wird letztlich der
Schlüssel zum Erfolg einer zukunftsfähigen Regionalentwicklung sein. Doch ist
dies nicht einfach durch Deklaration und Beschlüsse erreichbar. Praktische
Versuche sind notwendig. Der Regionalpark Mitteldeutschland ist ein solcher.
3. Selbstähnlichkeit statt Gleichmacherei
Natürlich sind beide Begriffe nicht als direkter Gegensatz zu verwenden – sie
sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt, dennoch sind sie hilfreich für
die Erklärung der neuen Planung. Die Fraktaltheorie ist erst 20 Jahre alt und
hat in der jüngsten Vergangenheit in Geografie, Hydrologie, Meteorologie oder
Verkehrsanalyse erfolgreiche Anwendungsfelder gefunden - alles chaotische
Systeme. Planung meinte in der Vergangenheit stets, Ordnung in das Chaos bringen
zu müssen – schließlich auch aus ästhetischen oder Sicherheitsgründen. Das ist
weitgehend gescheitert – doch nur wenige haben dies bereits erkannt. Dieses
Ordnungsdenken führte zu einer bisweilen entsetzlichen Gleichmacherei in den
Städten und Landschaften. Modelle der prosperierenden Zonen in den
Industriestaaten wurden und werden (!) als Analogiefälle auf andere Regionen
übertragen. Die Entwicklungshilfe hat dabei in den letzten Jahren viel gelernt
und korrigiert – doch die dominanten Prozesse des Exportes von
Planungsvorstellungen folgt noch immer dem Grundsatz, dass ein erfolgreiches
Modell exportfähig sei. Der deutsche Einigungsprozess der letzten 10 Jahre ist
ein beredter Ausdruck dessen und es scheint, als ob dieser Vorgang nun in
Osteuropa seine Wiederholung finden wird.
Selbstähnlichkeit geht von einem grundlegend anderen Ansatz aus: abgeleitet von
natürlichen Strukturen, die chaotisch sind und sich deshalb „in Ordnung“
befinden, werden im Modell der Selbstähnlichkeit in verschiedenen
Größenmaßstäben stets dieselben Grundstrukturen in der jeweils gleichen
Komplexität abgebildet. Also – keine Abnahme von Vielfalt, Ausstattung,
Vernetzungsgrad, sondern nur ein Dimensionsunterschied. Letztlich gleichen sich
die chaotischen Strukturen aus, es setzt sich eine Balance durch. Wird sie durch
Impulse gestört, kommt es zum „Ausschlagen“. Ist der Mensch der Verursacher, und
das ist die vorherrschende Tendenz im der Umwelt, dann ist der Mensch, also auch
der Planer gefragt, ausgleichend zu wirken. Ausgleich ist also als eine
grundlegende Zielannahme für die regionale Planung, doch nicht durch lineare
Einflussnahme.
Ressource Region heißt also Schaffen von Ausgleichsräumen für die
gleichberechtigte, ungehinderte Entfaltung aller Kräfte. Diese stellen eine
gänzlich andere Kategorie von Region dar, als sie etwa mit bislang üblichen
Grenzziehungen entlang politischer oder landschaftlichen Gegebenheiten zu tun
hätten.
Was heißt das nun für die regionale Planung?
Jeder Teil eines Gebietes ist gleichberechtigt, weist ähnliche Strukturen und
Probleme auf, birgt ähnliche Potenziale. Damit wird eine Region nicht an eine
geografische, kulturelle, politisch-administrative oder wirtschaftliche
Gegebenheit angelehnt und daraus eine Entwicklungsplanung abgeleitet, sondern
Regionen können – ja müssen „konstruiert“ werden. Dies leitet sich primär aus
der Notwendigkeit ab, die bisherigen menschlichen Eingriffe in das chaotische
System der Natur und Gesellschaft, die ein Maß erreicht haben, dass
existenzielle Probleme entstanden sind, korrigiert werden müssen, wenn wir
weiterhin wirtschaftliche Entwicklung vorantreiben wollen. Zum anderen ist die
wirtschaftliche Vernetzung unter Marktbedingungen ein komplexes, ja chaotische
System. Dem muss sich räumliche Planung anpassen und einen Beitrag zum Ausgleich
liefern.
Erste Experimente in dieser Richtung liefen vornehmlich in den 90er Jahren und
bestätigten diese These. Die IBA Emscher Park im Ruhrgebiet mit ihrem Credo
„Projekte statt Planung“ oder das Industrielle Gartenreich in der Region
Dessau-Bitterfeld-Wittenberg stehen stellvertretend für den Paradigmawechsel in
der räumlichen Planung, wie er sich abzeichnet. Die neuen Strategien der
Regionalisierung sind nicht mehr flächendeckend, sie überspannen administrative
Grenzen, sie sind nicht mehr ordnungspolitisch sondern „milieubildend“, ihr Kern
ist Kommunikation und nicht mehr Gebot und Verbot, sie sind zeitnah operierend
und direkt demokratisch, ihr Ziel ist die „Balanced City“. Nicht die Verwaltung
der „Zwischenstadt“ sondern die Gestaltung des regionalen Ausgleichs steht auf
der Tagesordnung. Die Region wird für diesen Zweck „konstruiert“, d.h., sie wird
durch den kooperativen Zusammenschluss – z. T. auf begrenzte Zeit und mit
wechselnden Akteuren – und entlang gemeinsamer Hauptinteressen gebildet und
planerisch bearbeitet. Sie wird also von innern her gebildet und entsteht nicht
technokratisch. Nach einem Zeitraum von vielleicht 10 Jahren können sich die
„Grenzen“ der Regionen wandeln. Das gehört dazu. Genauso gehört dazu, neue oder
modifizierte Instrumente zu entwickeln, die geeignet sind, den Ausgleichsraum zu
gestalten. Eine enge Verflechtung von verschiedenen Instrumenten der Planung,
der Kommunikation, der Finanzsteuerung, der Umweltgestaltung und
Wirtschaftskonzipierung ist erforderlich.
Für die räumliche Gestaltung können verschiedene Konstruktionen gewählt werden –
je nach Situation variierend. Eine dieser Möglichkeiten ist der Korridor: ein
definierter Streifen, der verschiedene Bruchstücke miteinander verbindet und als
Ausgleichsraum definiert. Dabei sind möglichst gegensätzliche, auf Ausgleich
drängende Räume miteinander in Beziehung zu setzen.
4. Charrette – „Kommunikation“ der Fraktale
Charrette ist eine Methode der direkten Planungsdemokratie. Dieses Verfahren,
das mit einer Planungswerkstatt vergleichbar ist, verbindet eine radikale
Öffnung der Stadt- oder Regionalplanung mit konkreter Entscheidungsfindung, die
Offenheit des Planungsprozesses und ungesteuerter Beteiligung, die Setzung von
Impulsen und die Integration von Unvorhersehbarem mit der politischen
Entscheidungsfindung. In begrenzter Zeit wird durch eine selbstregulierte
Gruppe, unter Anleitung von Fachplanern, ein Prozess in Gang gesetzt, an dessen
Ende ein Planungsergebnis vorliegt, das unter den konkreten Bedingungen
umsetzungsfähig ist. Die Planung läuft permanent rückkoppelnd ab und bezieht die
Steakholder und Betroffene unmittelbar ein. Dieses „Chaos“, veranstaltet auf
engem Raum und unter Zeitlimit hat sich als erfolgreiches Verfahren beim Umbau
für die schrumpfende Stadt erwiesen. Die Charrette bildet als Verfahren die
Struktur der Selbstähnlichkeit ab. Sie wird zum Schlüssel für eine
Planungskultur, die sich dem chaotischen Prozess der Realität, der
Nichtlinearität der Stadt- und Regionalentwicklung anpasst und zugleich steuernd
im Sinne des Ausgleichs eingreift, ohne etwas „ordnend“ überzustülpen. Dennoch
bleibt die Planung nicht unverbindlich. Sie gewinnt normative Kraft durch ihren
hohen Beteiligungsgrad und die Integration der Entscheidungsträger. Charrette
wird als Möglichkeit der unmittelbaren Planungskommunikation zunehmend der
komplementäre Part zur mediengestützten Planungskultur sein.
Insgesamt befindet sich die regionale Planung, die dem Modell der
Selbstähnlichkeit verpflichtet ist, noch in der Experimentierphase. Das Beispiel
illustriert einen solchen Versuch:
Das Beispiel: der Regionapark Mitteldeutschland
5. Die Ausgangslage
Der Regionalpark liegt eingebettet zwischen den beiden Ballungsgebieten
Leipzig/Halle und Berlin/Potsdam. Dieser Raum gehört zu den dynamischen
Transformationsgebieten im Osten Deutschlands seit 1989/90: Aus einem
industriellen Kerngebiet, dem einstigen mitteldeutschen Industriegebiet und
„Hinterhof“ Berlins, mit Chemieindustrie, Maschinenbau und Bergbau sowie
ausgedehnten Militärarealen, vor allem aber hochgradiger Umweltbelastung wurde
zunächst ein ökonomisches und soziales Notstandsgebiet. Es entstand aber auch
ein Raum, in den enorme Investitionen für Sanierung, Infrastruktur,
Großindustrie, Stadt- und Landschaftserneuerung flossen. Nicht zuletzt sind die
Städte Leipzig, Halle, Dessau oder Potsdam Orte des radikalen Wandels, der
Gegensätze und der Bevölkerungs-Schrumpfung. Es sind aber auch Orte und Gebiete
mit vielfältigen neuen Projekten, die z. T. zur EXPO 2000 einem Weltpublikum
vorgestellt wurden.
6. Die Konstruktion und ihre Bruchstücke
Dieser Korridor, in welchem mind. zwei Mio. Menschen (ohne Berlin) leben, der
etwa 150 mal 60 km misst und vier Bundesländer berührt, stellt eine
ungewöhnliche Abfolge von Stadt-Landschaften dar:
- Der Südraum Leipzig ist eine der weitläufigsten und vielfältigsten
Braunkohlefolgelandschaften in Deutschland. Umfangreiche Sanierungs- und
Umgestaltungsarbeiten sind im Gange. Mit dem Cospudener See ist der erste neu
gestaltete Tagebau einer touristischen Nutzung übergeben worden.
- Im Nordraum von Leipzig befindet sich mit der neuen Messe, dem internationalen
Flughafen und zahlreichen wirtschaftlichen Ansiedlungen eines der dynamischsten
Gebiete, das eine direkte Anbindung an das Leipziger und Hallenser Zentrum, aber
auch an die überregionalen Verkehrstrassen – Bahn und Autobahn – zwischen
Berlin/Nord- und Osteuropa sowie Süddeutschland und Süd- bzw. Westeuropa
verzeichnet.
- Die urbane und suburbane Industrie- und Siedlungslandschaft zwischen Leipzig
und Halle stellt einen Verdichtungsraum von europäischer Dimension dar: das
große und moderne Chemie-Industriegebiet Leuna/Merseburg, alte Ortszentren und
Kurstätten, Altindustrieareale, Gründerzeitgebiete, Zwischenkriegs- und
Plattengroßsiedlungen – überall Erneuerungsbereiche, aber auch Verfall, sowie
den jüngsten Gewerbe-, Shopping- und Siedlungsbrei endlang der Autobahnen. Es
scheint eine „neue Mitte“ zwischen den Großstädten zu entstehen – ein
faszinierender, aber auch amorpher Entwicklungsraum um die Zentren Leipzig und
Halle, die selbst Bestandteil des Regionalparks sind.
- Diesem verdichteten Raum schließt sich nach Nordosten hin in eines der
kulturhistorisch einprägsamsten und in den letzten Jahren
experimentierfreudigsten Gebiete an: Die Industrie- und Bergbauareale von
Wolfen/Bitterfeld/Delitzsch, das Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Lutherstadt
Wittenberg und die Bauhausstadt Dessau, der Naturpark Dübener Heide – eine im
Zentrum des Regionalparks gelegene wertvolle Natur- und Kulturlandschaft für
hochwertigen Tourismus und neue Dienstleistungen. Den Kern stellt das
Städtedreieck Dessau - Bitterfeld - Wittenberg, das Industrielles Gartenreich,
dar. Spektakulärstes Projekt ist hierbei „Ferropolis – die Stadt aus Eisen“.
- Im Zentrum des zukünftigen Regionalparks liegt Ferropolis. Diese international
bekannte Landmarke und Kunststätte sowie die einstigen Braunkohlegruben (von den
Gruben südwestlich von Delitzsch über die Goitzsche, den Muldesee, Gröbern,
Golpa-Nord bis Bergwitz) bilden eine vielgestaltige neue Wasser- und
Kulturlandschaft. Sie wird ein Zeugnis kreativer Sanierung von durch den
Menschen geschädigter Landschaften sein.
- Die Auen der Elbe und Mulde sowie Saale bilden eine Ost-West-Zäsur im gesamten
Raum. Sie sind der sensibelste Bereich, der al UNESCO Biosphärenreservat
ausgewiesen ist und zugleich einen der ökologisch und touristisch attraktivsten
darstellt. Am Südufer der Elbe erstreckt sich das inzwischen auf die
Welterbeliste gesetzte Dessau-Wörlitzer Gartenreich, die Reformlandschaft des
18. Jahrhunderts. Heute ein Mekka des Kulturtourismus. Hier findet sich aber
auch eine fragmentierte Wirtschafts- und Wohnlandschaft mit großen
Gestaltungsherausforderungen. Die Elbe verbindet zugleich den Raum mit anderen
Regionen zwischen Hamburg und Tschechien – als ein ökologisches Refugium
internationaler Bedeutung, eine Perlenkette herausragender Städte und ein
mögliches Band zukunftsfähiger Wirtschaft (von umweltverträglicher Schifffahrt
über Fischerei bis zum Tourismus).
- Am Nordufer der Elbe erhebt sich der Fläming, ein bewaldeter Höhenzug, dünn
besiedelt, vorrangig landwirtschaftlich genutzt und von besonderem
Erholungswert. Hier besteht ein weiterer Naturpark, in welchem Land- und
Forstwirtschaft sowie Individualtourismus mit vielfältigen Angeboten ausgewogen
miteinander verbunden werden. Beschauliche Kleinstädte prägen die
Siedlungsstruktur.
- Daran schließt sich die weite Niederung des Baruther Urstromtals an, eine
Ruhezone und offene Landschaft, mit besonderen gesundheitstouristischen
Akzenten. Nordöstlich beginnt dann der suburbane Raum des Berliner
„Speckgürtels“, eine amorphe Landschaft aus Gewerbe- und Wohnparks und
vielfältigen Infrastrukturen. Darin eingebettet erstreckt sich eines der vielen
militärischen Konversionsgebiete. Hier erfolgt die Anbindungen an das
Einzugsgebiet der Havel.
- Mit der Potsdamer Kulturlandschaft, ebenfalls auf der Welterbeliste der
UNESCO, dem attraktiven Stadtgebiet Potsdams und der Medienstadt Babelsberg
findet der Regionalpark seinen nördlichen Abschluss und zugleich Mündungsbereich
in die Metropole Berlin.
7. Der Planungsansatz
„Die Metropolen berühren sich ...“
Diese Landschaften sind nicht schlechthin eine Abfolge von „Grünzügen“,
„Abstandsarealen“ oder urbanen „Streifen“, sondern stellen einen wirtschaftlich,
ökologisch und kulturhistorisch dichten Korridor dar. Dieser ist dabei auch ein
Raum der Widersprüche. Er vereint historisch differenzierte Kulturlandschaften,
die - zum Teil mit welthöchstem Schutzstatus versehen – eine fast einmalige
Abfolge menschlicher Landschaftsüberformung repräsentieren. Sie sind in
bestimmten Bereichen Experimentalgebiete für neue Landschaften und Stadtteile -
nach dem Ende des Zeitalters der Ressourcenverschwendung. Der Regionalpark ist
zwar mittelfristig nicht als ein Raum anzusehen, der durch großen
Bevölkerungszuwachs, aber durch Dynamik in neuen Zweigen geprägt sein dürfte.
Wachstum und Schrumpfung werden gleichzeitig gestaltet - ein Gleichgewicht
entsteht, die Grundlage einer nachhaltigen Entwicklung.
„Balanced-City“: die Metropolen halten Abstand!
Eine „Balanced-City“ kann die Alternative zur „Zwischenstadt“, der zersiedelten
suburbanen Landschaft sein. Der Regionalpark Mitteldeutschland stellt die
Handlungsmöglichkeit der Akteure im Raum dar, um Eigenständigkeit mit
„Globalisierung“ zu verbinden. Die Landschaft wird nicht „passfähig“ gemacht für
einen anonymen Markt, sondern in ihrer kulturellen, ökologischen,
wirtschaftlichen und sozialen Eigenheit gestärkt, wenn die Akteure diese Vision
aufgreifen und selbst gestalten. In diesem Sinne ist der Regionalpark ein
kulturelles Programm. Der Regionalpark fungiert als Rahmen für die Ausprägung
einer spezifischen Qualität der einzelnen Teile. Dann kann er zu einer
„Ressource“ werden.
Die metropolitanen Räume Leipzig/Halle und Berlin/Potsdam werden durch den
Regionalpark Mitteldeutschland miteinander verbunden und zugleich auf Abstand
gehalten. Eine Kette von anthropogenen Landschaften, in denen effektiv und mit
Respekt vor den überkommen naturnahen und menschlichen Hinterlassenschaften
gewirtschaftet und gestaltet wird, schafft diesen verbindenden
Abstand. Das frühere mitteldeutsche Industriegebiet erhält durch den
Regionalpark eine Anbindung an Berlin und die Hauptstadt wird mit deren
einstigem „Hinterhof“ in neuer, ausgewogener Weise verknüpft.
8. Planen heißt vor allem Lernen
Der Regionalpark ist zudem ein Lernort in der Landschafts- und Stadtgestaltung:
ein Netzwerk der regionalen Bildungseinrichtungen mit raumrelevanten
Lehrangeboten und beispielhaften Erneuerungsorte, also auch eine „Institution“,
die die Entwicklung der einzelnen Städte und Landschaften regional vernetzt,
Forschungen und Bildungsangebote regional koordiniert und internationale
Kontakte zu anderen Regionen entfaltet. Vor allem aber die Durchführung von
verschiedenen Charrette-Verfahren trägt zum Entstehen einer kreativen
Atmosphäre, einem innovativen Milieu bei. Die Region lernt tatsächlich, ohne
einem didaktischen Plan zu folgen. Die prädestinierten Institutionen sollen den
Lernvorgang begleiten, bewerten, rückkoppeln, Grundlagen bereitstellen und
fallbezogene Anleitungen geben.
Ein Labor, eine Experimentalwerkstatt für diese Art regionale Planung, und/oder
eine spezielle Innovations-Agentur fungieren als Impulsgeber für das konkrete
maßstabsetzende Vorhaben im bzw. für den Regionalpark. Sie sind die Vermittler
dieses Lernvorganges.
Ein auf den Regionalpark bezogene Marketingstrategie vermag den einzelnen
Regionen innerhalb des großen Rahmens mehr Gewicht zu verleihen und die
politische Aufmerksamkeit auf das Vorhaben zu lenken. Mit dem Regionalpark
vermag sich der mitteldeutsche Raum ein Gesicht zu geben, das sowohl im
„Konzert“ der großen Ballungsräume Europas wahrnehmbar ist als auch
Besonderheiten hervorhebt. Allein die andere Art der Planung ließe die Region
wahrnehmbarer werden. Vermarktung ist Teil des Lernprozesses.
9. Der Begriff
Die Bezeichnung Mitteldeutschland bezieht sich auf die 20er Jahre. Seinerzeit
wurde der Mitteldeutsche Industriebezirk als Planungs- und Wirtschaftsraum
geprägt. Dieser erstreckte sich
zwischen den Städten Leipzig – Erfurt – Magdeburg – Wittenberg, mit dem Zentrum
Merseburg. Heute gilt dieser Begriff als umgangssprachlich eingeführt, obwohl es
Mitteldeutschland historisch nicht mehr gibt. Für den Park gilt das Gegenteil:
dieser ist ein neutraler Begriff, fast beliebig, oft sinnentstellt. Er
suggeriert Schönheit. Region hingegen ist ein technischer Begriff, der zwar auch
einen räumlichen Bezugsrahmen herstellt, aber weniger sinnlich erscheint und
stärker die rationale, wirtschaftliche und infrastrukturelle Dimension des
Vorhabens umreißt.
Die Kombination der drei Begriffe steckt den Rahmen für die Planungstätigkeit
ab: konkreter lokaler und historisch ableitbarer Bezug, Bild für ein ausgewogene
Zukunftsentwicklung sowie Umsetzungsfähigkeit.
10. Einige Regionalprojekte im Vergleich
Der Regionalpark Mitteldeutschland ordnet sich ein in einen aktuellen Trend zur
Regionalisierung wie er seit den 90er Jahren national und international
festzustellen ist. Mit solchen Regionalprojekten wie der Emscher
Landschafts-Park wurden neue Dimensionen der Regionalentwicklung eröffnet.
Ähnliche regionale Groß-Projekte entstanden im Raum Frankfurt/Main oder mit dem
Landschaftspark Bodensee-Oberschwaben. In jüngster Zeit ist mit dem Beginn der
IBA Fürst-Pückler-Land in der Lausitz ein weiteres Regionalprojekt im Entstehen,
das die Erfahrungen von IBA Emscher Park und Industriellem Gartenreich aufnimmt.
Im Ausland werden ebenfalls zunehmend Regionalparke als Konzepte zur
integrierten Entwicklung vertreten, z. B. im Po-Delta, Italien, im Osten von
London oder mit der „Regional City“ in den USA (.z.B. Portland/Origon).
Der Regionalpark Mitteldeutschland liegt also nicht nur im Trend sondern fügt
durch seine ausgesprochen „europäische Ausdehnung“ und seinen inhaltlichen
Ansatz diesem eine neue inhaltliche Facette hinzu: Balanced City.
11. Ein Fazit
Der Regionalpark kann als Modell für eine neue Art Ressourcendenken verstanden
werden. Es geht nicht mehr nur um die eindeutig definierbaren Ressourcen der
„verfügbaren“ Natur, sondern um die Art der Gestaltung und Kultur der
ausgleichenden Beziehung bei der Inanspruchnahme durch den Menschen. Die Städte
wie die genutzten Landschaften sind die wichtigste Ressource für eine
menschenwürdige Zukunft. Nachdem die gesamte Landschaft vom Menschen überformt,
ausgebeutet und neu gestaltet bzw. „hergerichtet“ wurde, müssen neue
Gestaltungszusammenhänge geschaffen werden, die zugleich in der Lage sind, einem
Drang zur Egalisierung und Anpassung an andere Regionen im Sinne einseitiger
Effizienzsteigerung ihrer Nutzung nicht nur zu widerstehen, sondern auch etwas
qualitativ anderes entgegen zu setzen, das aus dem Bestehenden erwächst. Für
diese Planung und Entwicklung muss auch eine neue jenseits der administrativen
Grenzen und mit Handlungskompetenz ausgestattete regionale Politik aufgebaut
werden, die Kirchturmdenken überwindet und gleichzeitig lokale Selbstständigkeit
bewahrt. Neue Beteiligungsverfahren (z. B. „Charrette“) sind ebenso notwendig
wie veränderte Kooperationsbeziehungen der Akteure (Netzwerke). Vor allem aber
ist eine auf Hierarchien basierende Raumordnung grundsätzliche zu überdenken und
durch eine an Modellen der Selbstähnlichkeit orientierte rahmensetzende
Raumentwicklungspolitik zu ersetzen.
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Cottbus
www.industrielles-gartenreich.de
www.regionalpark-mitteldeutschland.net
www.dr-kegler.de
Abbildungen
1. Schema zu den Entwicklungsstufen von Raumstrukturen und Planungsmodellen
2. Regionalpark Mitteldeutschland - Struktur der Landschaften
3. Poster zum Regionalpark Mitteldeutschland (engl.)
Anschrift:
Dr. Harald Kegler, Labor für Regionalplanung, Karl-Liebknecht-Platz 21, D-06886
Lutherstadt Wittenberg
T.: +49-340-6612368, F.: ...69, E.: harald_kegler@yahoo.com