Harald Bodenschatz, Harald Kegler
Die "modernste Barockstadt Deutschlands", so das Leitbild Ludwgsburgs, bot einen
großartigen Rahmen für die die dritte Jahrestagung von C.E.U.-Deutschland. Aus
der Tradition europäischen Städtebaus zu lernen und zugleich eine zukunftsfähige
Stadtentwicklung zu gestalten läßt sich am Beispiel der Barockstadt Ludwigsburg,
einer heute mit 86.000 Einwohnern sehr großen und (noch) wachsenden Mittelstadt,
modellhaft erfahren.
Im Zentrum der Veranstaltung standen die Entwicklungsfragen von Mittelstädten,
ein oft vernachlässigtes Thema in der eher auf Metropolen orientierten deutschen
Diskussionskultur. Der Tagungsort bot mit seiner Geschichte, den aktuellen
Planungsverfahren und den gebauten Projekten einen anregenden und komplexen
Hintergrund. Das Spektrum des Tagungsprogramms umfasste alle drei Ebenen der -
in Ludwigsburg erstmals vorgestellten - Charta des C.E.U.: Region, Stadt und
Stadtviertel, also auf eine ganzheitliche Sicht der Stadtentwicklung. Dass in
der Region Stuttgart auch Institutionen mit urbanistischer Perspektive von
nationaler Bedeutung ihren Standort haben, spiegelte sich auf der Tagung
ebenfalls wider: Das Deutsch-Französische Institut und die Wüstenrot-Stiftung,
beide mit Sitz in Ludwigsburg, sowie das Netzwerk „Die alte Stadt“ mit Sitz in
Esslingen waren vertreten. Hans Schultheiß, Chefredakteur der Zeitschrift „Die
alte Stadt“, erläuterte, was sich hinter der alten Stadt verbirgt: zum einen die
letzte interdisziplinäre urbanistische Zeitschrift in Deutschland, vor allem
aber ein Netzwerk kleiner und mittlerer Städte in Deutschland, Österreich,
Schweiz und Südtirol, das sich der Erhaltung und Erneuerung der historischen
Stadt verpflichtet hat. Die programmatischen Ziele dieses Netzwerks stehen denen
des C.E.U. sehr nahe. Stefan Krämer von der Wüstenrot Stiftung präsentierte den
vielfältigen Beitrag seiner Institution im Rahmen einer Strategie der Förderung
der Städtebaukultur in Deutschland. Auch für den internationalen Blick war
gesorgt - durch den Beitrag von Tim Busse, Projektarchitekt von Whittaker Homes,
aus der Partnerstadt St. Charles, Missouri, USA, und durch den Beitrag von
Wolfgang Neumann vom Deutsch-Französischen Institut, der sich zur städtischen
Entwicklung in Frankreich äußerte, einem brisanten Thema von europäischer
Bedeutung.
Gerade unter den Bedingungen der aktuellen wirtschaftlichen und demografischen
Änderungen in Deutschland und Europa müssen die Städte, so die Botschaft
Ludwigsburgs, ein klares, ihre Stärken betonendes Profil entwickeln, wollen sie
nicht in der Anonymität globalisierter Entwicklung verblassen und den Anschluss
an die Zukunft verpassen. Eine solche Profilbildung geschieht nicht per
Verordnung oder durch einen Ratsbeschluss allein. Vielmehr resultiert die
Zukunftsfähigkeit einer Stadt aus einem breiten öffentlichen Diskurs, der jedoch
den Willen zu einer stadtentwicklungspolitischen Strategie der Verwaltungsspitze
und des Rates zur unabdingbaren Voraussetzung hat. Auch hier setzt Ludwigsburg
hohe Maßstäbe. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Städte ohne entschlossene
politische Führung, ohne engagierte Verwaltung und ohne aktive
zivilgesellschaftliche Initiativen verabschieden sich aus dem Wettbewerb der
Städte. Der in Ludwigsburg seit 2005 durchgeführte Beteiligungsprozess zur
Konstituierung des Stadtentwicklungskonzeptes im Rahmen von
„Zukunftswerkstätten“ und eines „Dialogsommers“, wie er eindrucksvoll von Martin
Kurt, eigens mit dieser Aufgabe betrauter Mitarbeiter der Stadtverwaltung
Ludwigsburg, dargestellt wurde, kann als mustergültig angesehen werden –
geradezu als Modell im Sinne der C.E.U. Charta. Vgl. dazu auch
www.chancen.ludwigsburg.de. Zunehmend werden nicht nur gebaute Projekte zum
Gradmesser der Profilbildung einer Stadt. Auch die Kultur der Beteiligung der
Öffentlichkeit - innovative und transparente Verfahren zur Einbeziehung der
Stadtbürger, Offenheit gegenüber deren Anregungen - gewinnt einen hohen
Stellenwert, da die Zukunftsfähigkeit einer Stadt heute weniger denn je durch
die öffentliche Hand allein geschultert werden kann.
Ludwigsburg stärkt sein „barockes“, auf das 18. Jahrhundert zurückgehende
Zentrum - etwa durch die fußgängerfreundliche Attraktivierung der öffentlichen
Räume und eine Verbesserung der schwierigen Verbindung zwischen Stadtzentrum und
Schloss, die Stadt sorgt sich aber auch um seine übrigen historischen und neuen
Stadtviertel. Am Beispiel der ehemaligen Stadttorhäuser in Ludwigsburg, die
unter entscheidender Mitwirkung der Wüstenrot Stiftung denkmalpflegerisch und
mit Blick auf eine jeweils angemessene städtische Nutzung im Jahre 2004 saniert
worden sind, konnte Stefan Krämer in seinem Beitrag verdeutlichen, welchen
Stellenwert eine systematische Reaktivierung städtebaulicher Schlüsselorte für
die Stadtentwicklung gerade mittlerer Städte spielt. Ludwigsburg setzt
strategisch auf Innenentwicklung - auf die Konversion der überaus zahlreichen
und großen historischen Kasernengelände. Julius Mihm, aktives Mitglied von C.E.U.
Deutschland, inhaltliches und organisatorisches Zentrum der Tagung und Leiter
des Amtes für Stadtplanung und Vermessung der Stadt Ludwigsburg, entfaltete in
seinem Beitrag das die gesamte Stadtentwicklung prägende Konversionsprogramm
ehemaliger Militärflächen. In Ludwigsburg wurde ein langfristiges Programm des
schrittweisen Umnutzung von Kasernenarealen eingeleitet, welches diese zu
attraktiven Bestandteilen der Stadt werden lässt.
Mit der Entwicklung der City-Ost wurde bereits vor mehr als 20 Jahren mit Erfolg
versucht, auf alten Militärflächen ein neues Stück kompakter Stadt mit
Wohnbaublöcken auf einem weiterentwickelten „barocken“ Stadtgrundriss zu bauen.
Die Einrichtung und der Ausbau einer Filmakademie und der Aufbau eines Film- und
Medienzentrums in ehemaligen Kasernengebäuden verweist auf die Anstrengungen,
Ludwigsburg als Medienstadt zu profilieren. In den äußeren Stadtvierteln schafft
Ludwigsburg - ebenfalls auf ehemaligen Kasernenarealen - neue, kompakte
Wohnviertel. Bereits fertig gestellt ist das Quartier Rotbäumlesfeld für 1.400
Einwohner auf dem Gebiet der ehemaligen Krabbenlochkaserne. Auf Basis der
Erfahrungen mit dem Bau dieses Quartiers wird nunmehr ein weiteres
Konversionsgebiet entwickelt - auf dem Gebiet der ehemaligen, 1991 von den
US-Truppen geräumten Flakkaserne aus den späten 1930er Jahren. Dort sollen der
wertvolle Baumbestand geschont, einige Schlüsselgebäude erhalten und in eine
neue Wohnsiedlung mit attraktiven öffentlichen Räumen integriert werden.
Der Tagungsort Luldwigsburg liegt in einer der prosperierendsten Stadtregionen
Deutschlands. Mit einer Arbeitslosigkeit unter fünf Prozent und noch anhaltendem
Bevölkerungswachstum zeigt sich die Region Stuttgart im nationalen und
internationalen Vergleich gut platziert. Doch kann eine vorausschauende
Regionalplanung nicht beim Sichern des Erreichten verharren, wie Dirk Vallee vom
Regionalverband Stuttgart betonte. Vielmehr müssen die absehbaren Konsequenzen
aus dem wirtschaftlichen und demografischen Wandel gezogen werden. Zum einen
geht es um die Sicherung des Standortes durch eine regionale "Innenpolitik" -
die Region wird zur Stadt. Die einzelnen Kommunen werden, bei Wahrung ihrer
Selbstverwaltung, Teile eines Gesamtstandortes. Der im Aufbau befindliche
regionale Landschaftpark wird so etwas wie ein "Stadtpark" auf neuer
Stufenleiter. Zum anderen muss durch die Region zugleich ein "geordneter
Rückzug" aus den überflüssig werdenden Arealen, Infrastrukturen, Beständen und
vor allem auch Denkweisen und Verfahren eingeleitet werden. Der stadtregionale
Wandel, dessen Dimensionen eindrucksvoll von Helmut Bott, Professor an der
Universität Stuttgart, in Szenarien dargestellt wurde, benötigt eine aktive
stadtregionale Politik. Deren Festpunkte sind die Besonderheiten der
Stadtregion, die auf ihrer Geschichte beruhen und durch neue Initiativen
erweitert werden.
In einem weiteren Schritt wurden unterschiedliche strategische Planungen anderer
Mittelstädte im Großraum Stuttgart vorgestellt und analysiert. Dass Ludwigsburg
einen besonderen Weg eingeschlagen hat, zeigt ein Vergleich mit
Stadtentwicklungsprojekten in der Region Stuttgart, die Detlef Kurth, Professor
an der Hochschule für Technik in Stuttgart, analysierte und in den Kontext
allgemeiner Tendenzen der Entwicklungsplanung stellte. Ein komplexes und
zugleich strategisch angelegtes Vorgehen wie in Ludwigsburg ist, wie der Blick
auf andere Städte zeigt, alles andere als selbstverständlich. Eine Debatte über
grundsätzliche Umorientierungen, die nicht nur die schrumpfenden Regionen
betrifft, scheint zwingend geboten. Die europäischen Städte, auch die
Mittelstädte und die ländlich geprägten Räume, stehen vor besonderen
Herausforderungen, eine neue Identität im Einklang mit ihrer Geschichte zu
finden.
Die Tagung wurde durch zwei internationale Beiträge eingeleitet und
abgeschlossen: durch einen fulminanten Beitrag zur aktuellen Stadtentwicklung in
Fankreich und durch einen heiteren, typisch US-amerikanischen Beitrag, der einen
Aspekt des New Urbanism vorstellte: den Bau von relativ kompakten und
durchmischten Siedlungen an der suburbanen Peripherie.
Vor dem Hintergrund der Eskalation von sozialen Spannungen in den Banlieu der
französischen Großstädte im Herbst 2005 umriss Wolfgang Neumann die komplexen
Zusammenhänge dieser Stadtkonflikte. Ein wenig bekannter Umstand konnte geklärt
werden: Der französische Staat hat in den letzten Jahrzehnten ein in höchstem
Grade ausgefeiltes System der Planung und finanziellen Förderung für die Banlieu
entwickelt, das jenes in Deutschland weit in den Schatten stellt. Dennoch sind
die Konflikte in den suburbanen Problemzonen der französischen Städte kaum in
den Griff zu bekommen. Die hochgradige Steuerung hat wenig nachhaltige Effekte.
Es scheint so etwas wie ein Point of no return erreicht zu sein. Der Städtebau
aus den 1950er und 1960er Jahren, der im Bau von Großsiedlungen gipfelte, steht
grundsätzlich zur Disposition. Teilabriss, Aufwertung oder Verbesserung sozialer
Betreuung helfen allein nicht mehr. Es muss ein langfristiger Prozess der
radikalen Transformation eingeleitet werden, so das Fazit, dessen Ziel die
Neupositionierung zu diesem Teil des Erbes der europäischen Stadt sein muss - im
Interesse der Sicherung einer Überlebensfähigkeit der europäischen
Stadtgesellschaft insgesamt.
Im zweiten internationalen Beitrag, der Vorstellung eines Projektes des New
Urbanism aus der Partnerstadt von Ludwigsburg, St. Charles in Missouri, konnte
Tim Busse zeigen, dass die Qualität des städtebaulichen Raumes zunehmend zu
einem entscheidenden Standortfaktor für die Stadtentwicklung wird. Dabei spielen
Bezüge zu Prinzipien der Gestaltung der europäischen Stadt eine wichtige Rolle.
Auch an diesem Beispiel wurde deutlich, dass es bei Projekten des New Urbanism
notwendig ist, sich nicht in erster Linie mit den für manche europäischen Augen
fremden Architekturformen zu beschäftigen, sondern vor allem mit dem
städtebaulichen Anliegen. Die augenscheinliche Dominanz des Städtebaus gegenüber
der Architektur bezieht sich nicht nur auf die Raumbildung, etwa die
Herausbildung einer sehr differenzierten Struktur öffentlicher Räume, sondern
impliziert auch ein Wohnungsangebot an unterschiedlich einkommenskräftige
soziale Schichten, eine regenerative Energieversorgung und eine Vermindung des
Autoverkehrs. Diese Themen können, so wurde in dem Beitrag aus den USA deutlich,
im transatlantischen Dialog wechselseitig präzisiert werden.
Das rege Interesse gerade jüngerer Kolleginnen und Kollegen verschiedener
Professionen und Disziplinen belegt, dass die konkrete Suche nach Antworten für
die Stadtentwicklung nach dem Industriezeitalter in einem Klima der Überwindung
zwischenstädtischer Anonymität - ein wichtiges Anliegen des C.E.U. - an Schwung
gewinnt. Für diese Suche bedarf es Foren der offenen, professionsübergreifenden
Debatte. In diesem Sinne wird das europäische Netzwerk des C.E.U. auch den
nächsten internationalen Kongress in Leeds, Mittelengland, vom 9. und 10.
November 2006 ausrichten.