
I Region
II Stadt und Stadtviertel
III Plätze, Straßen und Gebäude
Vorbemerkung
Die baulich-räumliche Gestalt ist von entscheidender Bedeutung für lebenswerte
und nachhaltige menschliche Siedlungen. Zwar ist die unmittelbare Lebensumwelt
der Wohn-, Arbeits- und Freizeitstätten
ausschlaggebend für das Wohlbefinden der dort lebenden Menschen,
doch werden wesentliche Rahmenbedingungen auch in größeren
räumlichen Zusammenhängen bestimmt. Erst ein eng aufeinander
abgestimmtes städtebauliches Handeln politischer, administrativer,
fachlicher, wirtschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Kräfte auf
regionaler, städtischer und lokaler Ebene ist in der Lage, die derzeitigen
umfassenden Herausforderungen an die europäischen Stadtregionen
angemessen zu bewältigen. Städtebauliches Handeln wird hier
umfassend verstanden - als Gestaltung öffentlicher Räume, Einbindung
von Gebäuden in ihr Umfeld, Landschafts-, Freiraum- und
Gartengestaltung, als Motor gestalterischer, funktionaler, sozialer und
kultureller Vielfalt, als Medium sozialer Integration und
Ressourcenschonung sowie als Prozess, der all diesen Praktiken dient.
Vor diesem Hintergrund vertritt der C.E.U.-Deutschland folgende
Positionen:
I Region
1 Regionalentwicklung heute
Regionen sind soziale und wirtschaftliche Bezugsräume. Sie umfassen
Städte, Dörfer und Landschaften mit jeweils eigenem Charakter, aber
auch infrastrukturelle Großanlagen, Militär-, Gewerbe- und
Industriegebiete sowie mehr oder weniger anonyme Siedlungen.
Regionen sind die wichtigste räumliche Ebene des globalen
Wettbewerbs sowie einer sozial und ökologisch nachhaltigen
Raumentwicklung. Regionalentwicklung soll ressourcenschonend auf
eine solidarische Innenentwicklung und internationale
Wettbewerbsfähigkeit hinwirken. Regionen sind Träger und Impulsgeber
einer europäischen Zusammenarbeit in der Stadtbaukultur. Sie fördern
grenzüberschreitende und internationale Kampagnen wie etwa
„Euroregionen“ und Metropolregionen.
2 Regionale Identitäten
Regionen gewinnen ihre Identität als Siedlungsräume vor allem durch
gemeinsame historische Wurzeln und Spuren bzw. soziale, kulturelle,
wirtschaftliche, topographische und baulich-räumliche
Zusammenhänge. Regionalentwicklung soll diese Identitäten aufgreifen
und weiterentwickeln.
3 Innenentwicklung vor Außenentwicklung
Regionalentwicklung ist eine wichtige städtebauliche Aufgabe. Dabei
geht Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Durch den Umbau von
Wohnsiedlungen, die Wiedernutzung brachgefallener Stadtbereiche
sowie die Erschließung von Lücken und Zwischenräumen lässt sich die
Zersiedlung begrenzen, ohne auf städtebauliche Qualität verzichten zu
müssen. Regionen sind auf ihre ländlichen Teilgebiete innen wie außen
angewiesen, zu denen sie in einer zerbrechlichen Beziehung stehen.
4 Städtebauliche Weiterentwicklung
Städtebauliche Weiterentwicklung versteht sich auch im regionalen
Maßstab als Einfügung des Neuen in das Bestehende. Dazu sollten neue
Siedlungen am Stadtrand gut städtebaulich integriert und mit dem
Bestand vernetzt, vorhandene Zentren gestärkt, Wohnen, Arbeiten und
Freizeit in enger räumlicher Nähe zueinander und öffentlich zugänglich
entwickelt sowie große Gewerbegebiete städtebaulich aufgewertet
werden. Beim Rückbau von Siedlungsbereichen sollten städtische
Qualitäten und Zusammenhänge so weit wie möglich erhalten bleiben
und Zwischennutzungen als Impulsgeber weiterer Entwicklung dienen.
5 Bewahrung der historischen Stadt- und Dorfkerne
Die vorindustriellen Stadtkerne, Dörfer und Kulturlandschaften sind eine
wertvolle europäische Gegebenheit. Die Entwicklung und der Umbau
von Städten und Dörfern sollten deren historisches Bild, lokale und
regionale Traditionen sowie die natürlichen Gegebenheiten und Grenzen
respektieren.
6 Gestaltung der Kulturlandschaft
Die Kulturlandschaft verkörpert eine vielfältige und spannungsreiche
Wechselbeziehung von Umwelt, Wirtschaft und Kultur. Ihre
Ausgestaltung und Profilierung ist eine wichtige Strategie bei der
Umstellung der europäischen Landwirtschaft auf vermehrt
landschaftspflegende, regional ausgerichtete und energiepolitisch
relevante Bewirtschaftungsformen. Sie sollte auch bei der
Wiedernutzung und Gestaltung von brachgefallenen
Siedlungsbereichen berücksichtigt werden.
7 Nachhaltige Stadtregionen
Nachhaltige Stadtregionen sind vielfältig und nutzungsgemischt in ihren
Angeboten und wirken Zersiedlung entgegen. Sie unterstützen eine
regionale Kreislaufwirtschaft und regionale Arbeitsmöglichkeiten, die
Menschen aller Einkommensgruppen nutzen. Erschwinglicher
Wohnraum sollte in der ganzen Stadtregion verfügbar sein, in der Nähe
von Arbeitsplätzen liegen und die räumliche Konzentration von Armut
vermeiden. Regionale Solidarität erfordert einen Ressourcenausgleich
unter den Kommunen der Region.
8 Integrierte Verkehrsentwicklung
Die baulich-räumliche Organisation der Region und die
Verkehrsplanung sollten gemeinsam entwickelt werden. Ein Netzwerk
aufeinander bezogener Verkehrsmittel soll die Abhängigkeit vom Auto
verringern und die Erreichbarkeit mit dem öffentlichen
Personennahverkehr, zu Fuß und mit dem Fahrrad fördern.
9 Regionale Kooperation
Eine sachgerechte Zusammenarbeit der Städte und Gemeinden einer
Region trägt dazu bei, dass diese im verschärften Wettbewerb um
Steuereinnahmen besser mit ihren Ressourcen umgehen. Die
Kommunen einer Region sollten sich in ihren Funktionen und
Angeboten sinnvoll ergänzen. Dabei sollten Verkehr, Erholung,
öffentliche Dienstleistungen und Einrichtungen, Gewerbeansiedlungen
sowie Wohnungsbau miteinander abgestimmt werden.
II Stadt und Stadtviertel
10 Stadtentwicklung heute
Die Städte sind heute mit einem tief greifenden ökonomischen und
demographischen Strukturwandel konfrontiert. Sie müssen von der
Industriegesellschaft Abschied nehmen und neue wirtschaftliche
Grundlagen erringen, die sozialen Folgen dieser Entwicklung dämpfen
und ihre wertvollen städtebaulichen Bestände erneuern.
11 Identität der Städte
Die Städte haben ihre jeweiligen gestalterischen, wirtschaftlichen,
sozialen und kulturellen Besonderheiten, die sorgfältig gepflegt und
nachhaltig weiterentwickelt werden müssen. Städtebau, Architektur und
Landschaftsgestaltung können einer Beliebigkeit, Monotonie,
Disharmonie und Geschichtslosigkeit entgegenwirken, wenn sie die
spezifischen Bedingungen jedes Ortes, seiner Topografie, Menschen,
Geschichte, Baukultur und seines Klimas berücksichtigen. Die Städte
fördern ihre Besonderheiten auch durch grenzüberschreitende und
internationale Kampagnen wie etwa die „Europäische Kulturhauptstadt“.
12 Stadtbild
Der Charakter der Stadt wird wesentlich durch das Erscheinungsbild
ihrer Gebäude und öffentlichen Räume geprägt. Dabei kommt den
Stadtzentren eine besondere Rolle zu. Städte fördern die Pflege des
Stadtbildes durch Stadtreparatur, Gestaltung öffentlicher Räume und
Kampagnen etwa zum „Städtebaulichen Denkmalschutz“.
13 Stadtviertel
Städte gliedern sich von den Zentren bis zu ihren Rändern in
unterschiedliche Stadtviertel. Die Unterschiede dieser Stadtviertel
formen den Charakter der Gesamtstadt, ihre jeweiligen Stärken sollten
betont werden. In diesem Rahmen sind die Zentren der Stadtviertel von
besonderer Bedeutung. Bürger, Politik und örtliche Wirtschaft sind für
die Erhaltung und Weiterentwicklung der Stadtviertel verantwortlich.
14 Einbindung in den städtischen Zusammenhang
Stadtviertel verkörpern ein Zusammenspiel von Nachbarschaften und
darauf bezogener, gut gestalteter öffentlicher Räume. Stadtviertel sollen
kompakt gebaut, gemischt genutzt und fußgängerfreundlich sein. Es
gilt, einem räumlichen und sozialen Zerfall der Städte und ihrer
Stadtviertel entgegenzuwirken. Stadtbereiche, in denen eine bestimmte
Nutzung vorherrscht, z. B. Gewerbegebiete, großflächige
Infrastrukturanlagen oder große Freiflächen sowie Zwischennutzungen,
sollten in die Zusammenhänge und Strukturen der angrenzenden
Stadtviertel einbezogen werden.
15 Lebendige Vielfalt
Vielfalt ist in den Stadtvierteln zu erhalten und zu entwickeln. Dies dient
zugleich der Stärkung sozialer und bürgerschaftlicher Bindungen. Das
Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Altersgruppen,
Einkommen und ethnischer Herkunft wird durch ein Angebot
unterschiedlicher Arbeitsmöglichkeiten, Haustypen, Wohnformen,
Wohnungsangebote sowie sozialer und kultureller Einrichtungen
unterstützt.
16 Stadt der kurzen Wege
Im städtischen Alltag kann desto mehr auf das Auto verzichtet werden,
je eher sich die Zielorte fußläufig erreichbar in den Stadtvierteln und
nicht an abgelegenen, monofunktionalen Orten befinden. Nicht allein
Schulen und Nachbarschaftseinrichtungen, auch Arbeits- und andere
Zielorte sollten zu Fuß bzw. mit dem Fahrrad schnell und sicher
erreichbar sein. Entsprechend ausgestattete Straßen- und Wegenetze
verringern die Anlässe zur Autobenutzung und fördern eine vom Auto
unabhängige Mobilität in der Stadt.
17 Stadtverträglicher Autoverkehr
Neben attraktiven Angeboten des öffentlichen Verkehrs und für den nichtmotorisierten
Verkehr ist der individuelle Autoverkehr angemessen zu berücksichtigen. Eine
stadtverträgliche Ausrichtung des individuellen Autoverkehrs dient der Bewahrung
und Weiterentwicklung urbaner Qualitäten der Hauptstraßen und der
Aufenthaltsqualität öffentlicher Räume.
18 Grünräume in der Stadt
Eine der Qualitäten europäischer Städte basiert auf der Symbiose zwischen
kompakt bebauten Stadtvierteln und grünen Räumen, vom kleinen Park bis hin zur
offenen Landschaft. Die Gliederung und Verbindung der Stadtviertel durch ein
vielfältiges, gut strukturiertes Angebot von Grünräumen, Parks, Sport- und
Spielplätzen, Friedhöfen, Kleingärten und auch landwirtschaftlichen Flächen
gehört zur unverzichtbaren Aufgabe des Städtebaus.
III Plätze, Straßen und Gebäude
19 Architektur im städtebaulichen Kontext
Urbane Architektur ist vielfältig, der Geschichte des Ortes verpflichtet
und zugleich offen für Neues, stets jedoch den städtischen Kontext
respektierend. Urbane Architektur fügt sich in die städtebauliche
„Grammatik“ der Umgebung ein, setzt sich mit ihrer Atmosphäre
auseinander und trägt zugleich zur Profilierung der Nachbarschaft
insgesamt bei.
20 Parzelle als Stadtbaustein
Eine ausgewogene, dem Stadtgefüge angepasste Parzellierung privater
Grundstücksflächen trägt zur städtebaulichen Ordnung und
Ausdifferenzierung bei. Sie begünstigt die Nutzungsvielfalt und
Flexibilität, erhöht damit den Gebrauchswert und schafft zugleich die
Basis für individuelles, aber städtebaulich integrierbares Bauen.
21 Fußgängerfreundliche Straßen und Plätze
Straßen und Plätze sollten für Fußgänger, Radfahrer, Kinder, alte und
behinderte Menschen sicher, bequem zu nutzen, aufenthaltsfreundlich
und atmosphärisch anregend sein. Dadurch laden sie zum Gehen ein,
fördern Begegnungen von Nachbarn und Besuchern sowie öffentliche
Aktivitäten.
22 Gestaltung öffentlicher Räume
Die gute Gestaltung von Straßen, Plätzen und öffentlichen Grünanlagen
als Orten gemeinschaftlicher Nutzung gehört zu den zentralen Aufgaben
des Städtebaus. Sie leistet einen wichtigen Beitrag sowohl für den
sozialen Zusammenhalt und die Bewahrung des kulturellen Erbes der
Stadt als auch zur Qualifizierung eines zeitgemäßen Erscheinungsbildes
und Nutzungsprofils.
23 Zugänglichkeit öffentlicher Räume
Eine einfache öffentliche Zugänglichkeit in Verbindung mit sozialer
Aufmerksamkeit begünstigt die Aufenthaltsqualität,
Aneignungsfähigkeit und Sicherheit öffentlicher Räume. Die unter
diesen Voraussetzungen höhere Beanspruchung städtischer Plätze,
Straßen, Wege und Grünanlagen erfordert eine sorgfältige und
werthaltige Ausstattung und kontinuierliche Pflege, möglichst unter
verantwortlicher Mitwirkung der Anlieger.
24 Öffentliche Gebäude
Öffentliche Gebäude und Einrichtungen erfordern angemessene und
besondere Standorte, um die städtische Gemeinschaft und
demokratische Kultur zu stärken. Ihnen gebührt eine herausgehobene
Präsenz und Form, die sich wesentlich von der anderer Gebäude und
Orte im Gefüge der Stadt unterscheidet.
25 Bestandspflege
Erhalt, Umbau und Umnutzung von bereits bestehenden Gebäuden
nutzen vorhandene Ressourcen und bewahren die räumliche Prägung
des Ortes. Sie bieten Chancen für urbane Experimente und können eine bestandsorientierte Weiterentwicklung der Stadtviertel und Ensembles
fördern.
26 Gärten in der Stadt
Gärten sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Wohn- und
Arbeitsumfeldes in der kompakten Stadt. Sie sind nicht nur Objekte
gestalterischen Engagements, sondern bilden auch wichtige, intensiv
nutzbare soziale, ökologische und wirtschaftliche Refugien.
27 Umweltbewusste Architektur
Auch städtische Gebäude sollen ihren Bewohnern und Nutzern eine
Beziehung zur Örtlichkeit, Witterung und Jahreszeit vermitteln. Dem
kommt ein selbstverständlicher Einsatz ressourcenschonender und
regenerative Energien nutzender Gebäudeorganisation und -technik
entgegen.
1 Die Charta des Council for European Urbanism - C.E.U. Deutschland (Teil 2)
ergänzt die in
Stockholm am 6. November 2003 verabschiedete und am 23. August 2004
aktualisierte
europäische Charta. Die Charta (Teil 2) ist für Veränderungen offen.