
Die Überraschung war gelungen: Die Kongressstadt Leeds präsentierte sich als
ideale „Kulisse“ für den zweiten internationalen Kongress der europäischen
Städtebaureformer, die sich zum Thema der „nachhaltigen Stadtentwicklung“ in
dieser ehemaligen Industriestadt im Norden Englands versammelt hatten. Leeds bot
sich als eine komplett „post-industrialisierte“ Stadt dar, die sich in einem
Aufwärtstrend befindet. Neben dem benachbarten Manchester, das ja seit langem
als Musterstadt eines solchen Umbaus gilt, stand Leeds im Schatten. Etwas zu
Unrecht, wie sich während der Tagung offenbarte.
„Nachhaltigkeit“ ist ein Thema, das auf den ersten Blick kein „Renner“ zu sein
scheint, der die Fachöffentlichkeit noch zu bewegen vermag. Doch angesichts der
gravierenden Wandlungen im sozialen und demografischen Bereich der Städte, in
der Arbeitswelt, aber auch im Umweltsektor gewinnt die fast 20 Jahre alte
Strategie der nachhaltigen Entwicklung eine neue Brisanz, so jedenfalls der
Tenor des Kongresses. Mehr denn je stellt sich die Frage nach praktikablen Wegen
und Methoden für eine dauerhaft tragfähige Stadt- und Regionalentwicklung in
Europa. Da bot Leeds eine geradezu ideale „Folie“, um sehr konkret die Erfolge
wie Schattenseiten des Abschieds von der Stadt-Region der Industriegesellschaft
exemplarisch zu diskutieren und in Augenschein zu nehmen.
Großbritannien hat sich im Regierungsprogramm der nachhaltigen Stadtentwicklung
verschrieben und praktische Erfolge bei der Umsetzung dieses auch als „Urban
Renaissance“ bezeichneten staatlichen Programms erzielt: wirtschaftliche
Prosperität, ansprechender Städtebau und zugleich eine nominale Senkung des CO
2-Ausstoßes - das kann sich in Europa sehen lassen. Großbritannien präsentiert
sich als ein Vorreiter des postindustriellen Stadtumbaus in Europa. Doch wo
Licht ist, entsteht bekanntlich auch mancher Schatten: Die Schar der Verlierer
dieses Umbaus ist gewachsen, im Falle Leeds zwar nicht in gleichem Maße, wie
neue Arbeitsplätze im tertiären Sektor geschaffen wurden, aber in beträchtlichem
Maße dennoch. Hier liegt offenbar die größte Herausforderung, neben der des
allgegenwärtigen Klimawandels. C.E.U. will sich diesen beiden zentralen
Zukunftsthemen zuwenden, so könnte ein Ergebnis des Kongresses lauten.
Neben der Erörterung des nachhaltigen Umbaus der Stadt-Regionen der
Industriegesellschaft in Europa stand der Blick auf Entwicklungen außerhalb des
Kontinents auf der Tagesordnung. So pendelte die Debatte zwischen Jerusalem,
Havanna oder New Orleans und griff vor allem die kulturellen Fragen der
Stadtentwicklung auf. Dabei zeigte sich, wie groß der Bedarf an internationalem
Austausch und wie wichtig dafür eine Plattform wie der C.E.U. ist.
Noch ist C.E.U. eine junge und erst im Aufbau befindliches europäisches
Netzwerk: Doch der zweite internationale Kongress bewies, dass C.E.U. – trotz
noch so mancher „offener Masche“ im Netz, hier sind vor allem die
südeuropäischen Länder, aber auch Osteuropa zu nennen – allmählich auf dem Wege
zu einer offenen Organisation ist, die dem dringenden Bedarf an Austausch über
den Umbau der europäischen Stadt-Regionen aus transdisziplinärer Perspektive und
vor dem Hintergrund verschiedenartiger Erfahrungen in Europa und Amerika eine
angemessene Struktur zu bieten vermag.
Im nächsten Jahr vereinbarten die Teilnehmer, sich in Oslo zu treffen: 20 Jahre
nach dem Brundtland-Report, und mit der Namensgeberin als Schirmherrin, will
sich C.E.U. der Frage nach konkreten Schritten bei der Stadtentwicklung zur
Reduzierung des Klimawandels und zur Auseinandersetzung mit dessen Folgen
widmen. Damit werden die C.E.U.-Debatten von Berlin 2005, „Brücken bauen“, und
Leeds 2006, „Neue Nachhaltigkeit denken“, weiter geführt. Gleichzeitig richteten
die Teilnehmer den Blick auf das Jahr 2010, das zu einem „Europäischen Jahr des
Städtebaus“ werden könnte. Aber auch darüber wird noch zu diskutieren sein.
Dr. Harald Kegler
Board Member of C.E.U.