Harald Bodenschatz/Harald Kegler
Veröffentlicht in: Der Architekt 7/02
Die
deutsche Rezeption des New Urbanism ist immer noch geblendet von den Bildern aus
Seaside und Celebration: wie schrecklich, wie rückwärtsgewandt, wie
geschichtsfälschend! Die Wogen der Empörung trüben den Blick hinter die
Kulissenarchitektur: New Urbanism ist keine Architekturbewegung, sondern
zuallererst eine planerische Antwort auf die Entwicklung der US-amerikanischen
Stadt.
Die Großstädte in den USA sind in den 90er Jahren vor dem Hintergrund eines in
der Geschichte der USA einzigartige Wirtschaftsbooms wieder in Bewegung geraten.
Sinkende Arbeitslosenrate, sinkende Hypothekenzinsen, steigende Einkommen
schürten einen beispiellosen Bauboom, vor allem auch eine unersättliche
Nachfrage nach eigengenutztem wie spekulativem Wohnungseigentum.
Die Großstädte wucherten weiter ins Umland, Suburbs wurden wie am Fließband
errichtet, und im Rahmen dieser Suburbanisierung feierte eine Wohnform besondere
Triumphe: die Gated Community, die geschlossene, bewachte Wohnanlage, die nicht
mehr öffentlich zugänglich ist. Neu aber ist, dass dieser weitere
Suburbanisierungsschub der 90er Jahre nicht mehr als Fortschritt gefeiert wird,
als Umsetzung des American Dream. Hier hat ein Wandel der öffentlichen Meinung
stattgefunden. Immer wieder finden sich in den Zeitungen Berichte, in denen vor
den Gefahren und Folgen des Suburban Sprawl gewarnt wird. Politiker beider
großer Parteien stimmen in diesen Chor ein. Es gehört mittlerweile zum guten
Ton, sich über Suburbs negativ zu äußern. Die Entwicklung des Suburban Sprawl,
so heißt es, hat zu einer Stufe geführt, die der US-amerikanischen Gesellschaft
schadet. Erinnert sei nur an den Film American Beauty, aber natürlich auch an
zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien, die zeigen, daß die suburbane heile
Welt eine Illusion ist.
Vor diesem Hintergrund wird der Ruf nach Alternativen zu Suburbia verständlich.
Und der New Urbanism erscheint vielen als angemessene Antwort auf die
Fehlentwicklung der US-amerikanischen Stadt. Auch der New Urbanism ist ein
Produkt des Baubooms. New Urbanism sucht aber nicht nur praktische Alternativen
zu Suburbia, sondern auch Wege zur Revitalisierung der Innenstadt. New Urbanism
bedeutet schließlich und letztlich: neue Regionalplanung. Erst auf dieser Ebene
– so die Position einiger führender Vertreter des New Urbanism – lassen sich die
sozialen, räumlichen und ökologischen Ziele des New Urbanism umsetzen. Die
Bedeutung der regionalen Ebene zeigt sich in der 1996 verabschiedeten Charta des
New Urbanism, aber auch daran, daß diese das zentrale Thema des Kongresses 2001
in New York war: „From Neighborhood to Region. Politics, Policy, and Design“.

Stadtland USA: Ausdehnung im Vergleich mit BRD
Ein gutes Beispiel für Projekte des regionalen New Urbanism ist – neben der Salt
Lake Region, der Region Chicago und der Region Minneapolis-St. Paul – die Region
Portland in Oregon. Dort gibt es einen Langzeitversuch großräumiger Planung und
Gestaltung: durch die Markierung einer Wachstumsgrenze der Großstadt einerseits
und den Ausbau eines schienengebundenen Masserverkehrsmittels andererseits. Der
wichtigste Propagandist des regionalen New Urbanism ist Peter Calthorpe aus
Kalifornien. Er ist auch an der Großraumplanung für Portland beteiligt.
Die Schnellstraßenbahn im Großraum Portland mit Siemenstechnologie ist für
Europäer nicht gerade sensationell, für US-amerikanische Verhältnisse aber schon
außergewöhnlich. Sie dient dazu, einige Pendler dazu zu bringen, auf das Auto zu
verzichten. Daher gibt es an vielen Haltestellen riesige Parkplätze. Die
Haltestellen bieten aber auch die Möglichkeit für verdichtete Siedlungen, sog.
Transit Oriented Developments (TODs), eine Innovation des New Urbanism.
Bedeutendes Beispiel hierfür ist Orenco Station in Hillsboro, ein neuer Ort im
Westen von Portland an einer Haltestelle der Schnellstraßenbahn. Orenco Station
wurde seit 1995 geplant, 1997 eröffnet und erhielt mehrere Auszeichnungen.
Das Modell Portland ist keineswegs unumstritten. Aufgrund der Restriktionen wird
es von vielen Developern attackiert. Die steigenden Grundstückspreise, heißt es,
seien auf die Wachstumsgrenze zurückzuführen. Viele Bewohner von Suburbs
fürchten jede Verdichtung und wenden sich gegen weitere Bahnlinien. Auch
innerhalb der Bewegung des New Urbanism wird Portland nicht nur hochgehalten. So
griff etwa Andres Duany, ein „Veteran“ des New Urbanism, das Portlandmodell
scharf an: Wachstumsgrenzen und Schnellstraßenbahnen allein können die suburbane
Zersiedlung nicht verhindern, im Gegenteil, sie lullen die Aktivisten für eine
bessere Stadt ein. Innerhalb der Wachstumsgrenzen hätte sich der Suburban Sprawl
wie in anderen US-amerikanischen Städten ausgebreitet.
Die regionalen Strategien des New Urbanism fußen zum einen auf exemplarischen
Planungen, etwa auf den Regionalplänen für den Staat New York seit den 1920er
Jahren, ein Bezug, der mit der Preisverleihung für den „Regional Plan New York“
von 1996 beim „New Urbanism Charta Award“ 2001 deutliche wurde. Sie sind zum
anderen eine Folge der Auseinandersetzung mit dem Sprawl, der „Suburban Nation“,
wie das programmatische Buch von Plater-Zyberk und Duany aus dem Jahr 2000
zeigt.
Die regionale Stadt bzw. die „metropolitane Region ist die grundlegende
wirtschaftliche Einheit der gegenwärtigen Welt. Die Zusammenarbeit von
Regierungen, die öffentliche Politik, die Raumplanung und ökonomische Strategien
müssen diese neue Realität widerspiegeln“, so fordert es die Charta des New
Urbanism. Die Gestaltung der Regional City wird als zentrale und für die
städtebaulichen und architektonischen Ausarbeitungen rahmensetzende Aufgabe
angesehen. Begrenzung des Sprawl, Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs und
Zurückdrängen des Autos sowie Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse sind
wichtige Forderungen.
In der Charta heißt es dazu: „Großstadtregionen sollten Strategien entwickeln,
die zur Erschließung von Lücken ermutigen und damit die periphere Ausdehnung
vermeiden. Wo es angebracht erscheint, sollten Neuerschließungen an Stadtgrenzen
als Nachbarschaften und Bereiche organisiert und in das bestehende urbane Muster
integriert werden. Die Entwicklung nichtangrenzender Bereiche sollte in Form von
Städten und Dörfern mit eigenen Stadtgrenzen organisiert sowie als ausgewogene
Wohn-/Arbeitsstätten und nicht als bloße Schlafstädte konzipiert werden. Die
Entwicklung und Neuentwicklung von Klein- und Innenstädten sollte das
historische Bild, die Gegebenheiten und Grenzen respektieren.“
Außerdem werden neue Chancen für regionale Kooperation gesehen, die sich aus
einem regionalen Lasten- und Gewinnausgleich zwischen den Gebietskörperschaften
ergeben. Die Erlöse und Ressourcen können zwischen den Gemeinden und Zentren
innerhalb von Regionen in kooperativer Weise geteilt werden, so dass der
zerstörerische Wettkampf um steuerliche Einnahmen vermieden und die rationelle
Koordination von Transport, Erholung, öffentlichen Diensten, Wohnungsbau und
kommunalen Einrichtungen gefördert wird.
Der amerikanische Traum, so Peter Calthorpe, ist im Wandel begriffen. Die
Regional City ist keine Utopie mehr, sie erreicht langsam die Öffentlichkeit,
doch die Verfechter der „Edge City“, des Sprawl, sind nach wie vor dominant.
Eine umfassende Aufklärung, Kommunikation, die weitgehende Vernetzung der
Initiativen und Organisationen, der Bau von Beispielen, und nicht zuletzt der
internationale Austausch erscheinen notwendig, um die Transformation der
„Suburban Nation“ in eine „re-urbanisierte“ Nation, in der die Region, die
Nachbarschaft bis zum Baublock und Kleinstadtzentrum wieder zu einem erfahrbaren
Zusammenhang im alltäglichen Leben werden.
Der Umbau der Edge City hat erst mit kleinen Bausteinen begonnen, die noch
keinesfalls überzeugen, aber einen ersten Schritt markieren. Ein großes Problem
ist, so Calthorpe, daß sich New Urbanism in einer Verkehrsinfrastruktur
entfalten muß, die für den Sprawl entworfen wurde. Ohne eine Veränderung dieser
Infrastruktur läuft der New Urbanism in Gefahr, nur eine neue Form des Sprawl zu
legitimieren – suburbs in desguise.
Die sich seit Anfang der 1990er Jahre verdichtende Auffassung über die
Gestaltung der Region als Basis für eine ausgewogene Entwicklung war der Grund
für den Aufbau einer Kooperation zwischen dem gerade wieder neugegründeten
Bauhaus in Dessau und der Universität Miami, School of Architecture, die genau
vor 10 Jahren begann. Das am Bauhaus entwickelte Konzept des Industriellen
Gartenreiches in der Region um Bitterfeld bot eine Plattform für den
internationalen Austausch über Strategien der regionalen Erneuerung, der
regelmäßig stattfand und nun, da das Bauhaus andere Wege geht, durch neue
Partner fortgesetzt wird. Im Zentrum des Austauschs stand der Umgang mit
Brownfields, also mit industriellen Brachen, oder aufgegebenen Dienstleistungs-
und Wohnbereichen. Dabei wurden planerische Impulse für die regionale
Entwicklung an verschiedenen neuralgischen Orten der regionalen Erneuerung
gestartet: Masterpläne für Vockerode 1992, Bitterfeld 1995 oder Zschornewitz
2001.
Der Masterplan für Bitterfeld 1995 stand am Beginn eines Prozesses, der in ein
umfassendes Planwerk für eine „Regional City“ im altindustriellen Bereich
mündete. Außerdem wurde, und das ist ebenso wichtig, die für Projekte des New
Urbanism typische Methode der „Charrette“ experimentell eingeführt. Sie fand zum
ersten Mal eine Weiterführung in der Planungswerkstatt für Bitterfeld 1996, die
mit einem Europäischen Preis für Stadt- und Regionalplanung ausgezeichnet wurde.
Neue Anwendungen findet diese Methode der extensiven wie intensiven Beteiligung
und offenen Planungsarbeit beim aktuellen Stadtumbau, so in Eggesin und in
Gräfenhainichen, zwei militärische bzw. Bergbau-Konversionsstandorte, die als
Teile von regionalen Städtenetzen Impulse für den Umbau auf regionaler Ebene
auslösen.
Dennoch ist der Austausch über den Atlantik zum Thema der Regionalentwicklung
marginal. Das hängt mit der geringen Bedeutung, die diesem Thema in Deutschland
beigemessen wird, zusammen. Zudem ist es mit der fruchtlosen Konfrontation
zwischen Vertretern der „Europäischen Stadt“ und der „Zwischenstadt“
konfrontiert. Hier könnte die deutsche Debatte vom New Urbanism in den USA
lernen. Debatte wie praktische Experimente des New Urbanism vermeiden eine
polarisierende Entgegensetzung von Innenstadt und Suburbia. Natürlich gibt es
innerhalb der Bewegung Streit darüber, wo die Schwerpunkte gesetzt werden sollen
– aber es geht immer um die Schwerpunktsetzung, nicht um ein Entweder-Oder. New
Urbanism hat sich zum Ziel gesetzt, die gesamte Stadtregion zu qualifizieren –
Downtown und Suburbia, nicht Downtown oder Suburbia. Ziel ist die Qualifizierung
der Regional City.
Literatur und Webseiten:
Die alte Stadt 4/1998 (Themenheft: Alte Stadt – neu gebaut, mit der
Dokumentation der „Charta des New Urbanism von 1996)
Bodenschatz, H.: New Urbanism. Die Neuerfindung der amerikanischen Stadt. In:
Stadtbauwelt 145/2000
Bodenschatz, H.: Europäische Stadt, Zwischenstadt und New Urbanism. In: Planerin
3/2001
Bodenschatz, H.: New Urbanism – Städtebaureform in den USA / New Urbanism –
Urban Development Reform in the U. S. In: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung
(Hg.): 2001. 2002. Bau und Raum Jahrbuch. / Building and Regions Annual.
Tübingen 2002
Bodenschatz, H.: Strategien zur Revitalisierung, in: Planerin 1/2002
Bodenschatz, H.; Kegler, H.: Städtebaureform auf Amerikanisch, in: Stadtbauwelt
145/2000
Congress for the New Urbanism: Charter of the New Urbanism. New York u.a. 1999
Calthorpe, P.; Fulton, W.: The Regional City, Washington/Covelo/London 2001
Duany, A., Plater-Zyberk, E., Speck, J.: Suburban Nation. New York 2000
Dutton, John A.: New American Urbanism. Milano 2000
Harvard Design Magazin Winter/Spring 1997 (Kritische Debatte über den New
Urbanism)
Kegler, H. (1998): Mehr als nur die Sehnsucht nach der alten Stadt: New Urbanism
in den USA. In: Die alte Stadt 4/1998
Kegler, H.; Lenz, G.; Duhm, B.: Industrie-Region. In: Stiftung Bauhaus Dessau
(Hrsg.): Industrielles Gartenreich. Dessau 1996
New Urbanism makes inroads in Germany (Interview mit Bodenschatz, H. und Kegler,
H.). In: New Urban News April/May 2002
Stadtbauwelt 145/2000 (Themenheft zum New Urbanism)
New Urbanism Resource Index: bradley.bradley.edu/~ajh/nu.htm
Congress for the New Urbanism - CNU: www.cnu.org
Planungsbüro von A. Duany und E. Plater-Zyberk: www.dpz.com
Planungsbüro von P. Calthorpe: www.calthorpe.com
HOPE VI Programm: www.hud.gov/budget99/facthope.cfm
Regionalstrategie „Industrielles Gartenreich“: www.industrielles-gartenreich.de
Planungsinstrument Charrette: www.charretteinstitute.org
Abbildungen:
Seaside prägt bis heute das Bild des New Urbanism in Deutschland – und zwar
negativ
Ein positives Referenzmodell des regionalen New Urbanism: der Regionalplan von
New York ((ist der hier gemeint??)) New York Map, 1995 (Ausschnitt)
Die Region Portland mit eingezeichneter Wachstumsgrenze Plan UGB (Ausschnitt)
Ein Beispiel für Transit Oriented Development (TOD): Orenco Station in der
Region Portland
Teilprojekt der regionalen Entwicklungsstrategie „Industrielles Gartenreich“:
Masterplan Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) 1995
Ein Projekt mit kleinräumigem, städtischer und regionalem Horizont: Masterplan
Eggesin (Mecklenburg Vorpommern) 2002
Ein Planungsinstrument des New Urbanism im „Industriellen Gartenreich“:
Charrette-Verfahren – in Gräfenhainichen (Sachen-Anhalt) 2002
Autoren:
Harald Bodenschatz, geb. 1946, Stadtplaner und Soziologe, Professor für
Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, Studienaufenthalte in den
USA 1999 und 2000. harald.bodenschatz@t-online.de.
Harald Kegler, geb. 1957, Stadtplaner, 1987-1999 Leiter der experimentellen
Werkstatt am Bauhaus Dessau mit den Hauptarbeitsfeldern Industrielles
Gartenreich, Stadt- und Regionalumbau sowie Planungsgeschichte, 1999-2000
Gastprofesssor an der University of Miami, seit 2000 eigenes Büro Labor für
Regionalplanung. harald_kegler@yahoo.com.