Zahlreiche Redner aus Berlin, aus Europa und aus anderen Ländern haben
neue Perspektiven des Städtebaus aufgezeigt - darunter der britische
Städtebauminister und stellvertretende Premierminister John Prescott und der
deutsche Minister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, Dr. Manfred Stolpe.
Die 260 Teilnehmerinnen und Teilnehmer vertraten ein breites Spektrum aus
Politik, Wirtschaft, städtischen Initiativen und der städtebaulichen
Fachwelt. Sie kamen aus 19 Ländern - nicht nur aus Europa, sondern auch aus
Israel, den USA, aus Kanada, Kuba und Guatemala.
Der erste Kongresstag thematisierte Berlin - ein Erfolgsmodell des
europäischen Städtebaus. Trotz mehrfacher erheblicher Zerstörungen ist
Berlin immer wieder auf die Beine gekommen. Selbst Jahrzehnte der Spaltung
haben diese Stadt nicht gebrochen. Und trotz aller Schwierigkeiten ist der
Prozess der städtebaulichen Wiedervereinigung als Erfolg zu werten – gerade
angesichts der Tatsache, dass niemand auf dieses historische Ereignis
vorbereitet war. Es war völlig richtig, zunächst den Schwerpunkt auf die
Herausbildung eines erneuerten Zentrums zu legen – als Zeichen für die
Überwindung der Spaltung nach Innen und Außen. Jenseits des Zentrums hat die
Modernisierung der Mietskasernenviertel im ehemaligen Ost-Berlin große
Fortschritte gemacht, und selbst die Groß-Siedlungen in Plattenbauweise sind
kaum mehr wieder zu erkennen. Dazu kam die Erneuerung der stadttechnischen
Infrastruktur, insbesondere der Verkehrsinfrastruktur. Auch der Zersiedelung
wurden erste Grenzen gesetzt. Allerdings kann es sich Berlin nicht leisten,
auf seinen Erfolgen auszuruhen. Haushaltskrise, Arbeitslosigkeit und soziale
Ausgrenzung sind eine große Herausforderung. Berlin muss seine Position im
Konzert der europäischen Städte nach dem Fall der Mauer erst noch finden.
Der zweite Kongresstag richtete den Blick auf Europa und Übersee. Die
Europäische Stadt ist ein städtebauliches, wirtschaftliches, soziales und
politisches Erfolgsmodell. Sie hat es immer wieder vermocht, ihre
Traditionen mit Innovationen zu verbinden – wenn auch oft unter schweren
Verlusten und Mühen. Die Europäische Stadt hat als politisches und
emanzipatorisches Gemeinwesen weltweit Maßstäbe gesetzt. Sie hat eine
Lebensweise geprägt, die heute als Markenzeichen für Urbanität schlechthin
gilt. Sie hat eine städtebauliche Form gefunden, die äußerst flexibel und
daher zukunftsfähig ist. Kurz: Die Europäische Stadt ist zu einem Symbol von
Stadt geworden. Allerdings hat sie auch nur allzu oft ihr Zentrum
geschwächt, ihre Innenstadt vernachlässigt und zersiedelte Peripherien
hervorgebracht, die uns vor neue Herausforderungen in politischer, sozialer,
ökologischer und gestalterischer Hinsicht stellen. Vertreter aus
verschiedenen Großstädten präsentierten Beiträge zur Fortsetzung der
Erfolgsgeschichte „Europäische Stadt“. Vor allem in Großbritannien finden
wir die weitreichendsten und diskussionswürdigsten Strategien,
Reformbewegungen und praktischen Resultate des neuen Städtebaus in Europa.
Zum Ende des Kongresses wurde folgende „Erklärung von Berlin“
veröffentlicht:
Deindustrialisierung, Zersiedelung, Zunahme des Individualverkehrs, soziale
Polarisierung, Alterung, Energiekrise und eine schrumpfende Bevölkerung
stellen die Europäische Stadt vor gewaltige städtebauliche
Herausforderungen. Politiker, Investoren, Fachleute und Bürgerinitiativen in
verschiedenen Teilen Europas und Nordamerikas haben längst auf den
stürmischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel in der
„globalisierten Welt“ reagiert – mit unterschiedlichem Erfolg. Was zu
wünschen übrig lässt, sind die Verarbeitung dieser unterschiedlichen
Erfahrungen, die Offenheit für andere Sichtweisen, der Austausch von
Beispielen für Best Practice, ja letztlich die Debatte um die grundlegende
Frage:
Welche Stadt wollen wir?
Eine einfache wie schwierige Frage, die längst keine akademische mehr ist,
sondern den Alltag in Städten und Gemeinden prägt. Sie schließt insbesondere
auch die Fragen des zukünftigen Umgangs mit der technischen und sozialen
Infrastruktur, mit der industriellen Arbeit und mit der Energieversorgung
ein. Wir wissen: Der Städtebau in Europa sollte der Zersiedelung der
Landschaft, der Entwertung von städtischen Gebieten und der sozialen,
wirtschaftlichen wie kulturellen Erosion der Stadt entgegenwirken. Er sollte
die stadtgestalterische Qualität verbessern, die lokale Identität fördern,
soziale Kluften mildern und Ressourcen schonen. CEU tritt dafür ein, dass
diese Ziele zum Allgemeingut werden. Es gilt aber auch, einen
verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen zu fördern: Die
Europäische Stadt muss sich z. B. aus der Abhängigkeit vom Öl befreien.
Städtebau ist ein Schlüssel für die Gestaltung unseres zukünftigen Alltags,
unserer Wirtschaft, unserer Kultur, unserer Gesellschaft. Der Europäische
Städtebau der Zukunft ist somit kein Feld für Spezialisten allein, er
betrifft alle und ruft nach einer Vielzahl von Akteuren. Die grundlegenden
Veränderungen erfordern in mehrfacher Hinsicht daher ein Brücken-Bauen. Es
geht um das Bauen von Brücken
• zwischen den Städten Europas,
• zwischen den Akteuren des Städtebaus,
• innerhalb der planerischen und architektonischen Profession,
• zwischen Institutionen und Netzwerken des Städtebaus und
• zwischen Europa und den USA.
Ein solches Brücken-Bauen fördert eine neue Handlungsfähigkeit im
Europäischen Städtebau.
1. Brücke zwischen den Städten Europas
Politisch ist der Einigungsprozess Europas jüngst in eine Krise geraten. Es
hat sich gezeigt, dass für viele Bürger Europas die europäischen
Institutionen weit weg sind. Europa ist aber mehr als der Verwaltungsapparat
in Brüssel. Europas Stärke ist die kulturelle Vielfalt, der Reichtum an
Städten und Kulturlandschaften. Städte und Landschaften stehen in Wettbewerb
zueinander, bedürfen aber zugleich der Kooperation, auch um weltweit
konkurrieren zu können. In diesem Kontext ist der Austausch über Erfahrungen
mit dem Umbau der europäischen Städte von herausragender Bedeutung. Dieser
Austausch ist aber wenig entwickelt. Der CEU versteht sich als ein Medium
der Intensivierung des europäischen Austauschs im Feld des Städtebaus.
2. Brücke zwischen den Akteuren des Städtebaus
Der gesellschaftliche Diskurs über Themen des Städtebaus ist noch sehr
verinselt. Die einzelnen Akteure haben ihre eigene Sprache, ihre eigenen
Propheten, ihre eigenen Leitbilder. Der Austausch über die Grenzen der
Akteursgruppen ist unterentwickelt. Der CEU versteht sich als Medium des
Austauschs zwischen den unterschiedlichen Akteuren, des Dialogs zwischen
Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Gesellschaft und Fachwelt, zwischen
praktischen Planern, Architekten, Landschaftsarchitekten, Wissenschaftlern
unterschiedlicher Fachrichtung, Investoren und Bürgergruppen.
3. Brücke innerhalb der architektonischen und planerischen Profession
Die planerisch-architektonische Fachwelt ist in viele Lager gespalten, die
sich gegenseitig bekämpfen und oft unsachlich diskriminieren. Gerade mit
Blick auf den Städtebau sind solche Lager wenig hilfreich. Das betrifft
zuallererst die Frage des architektonischen Stils: Weder moderne Architektur
noch traditionelle Architektur ist städtebaulich betrachtet per se gut oder
schlecht. Entscheidend ist der Kontext, entscheidend ist die Unterordnung
der Architektur unter den Städtebau. Vielen ist vor allem der Prozess
wichtig, anderen das Produkt. Beides ist wichtig. Das Gleiche gilt für die
soziale wie die ökologische Frage, die nicht gegen die Frage nach der
richtigen städtebaulichen Form ausgespielt werden darf und umgekehrt. Auch
die Frontbildung zwischen denen, die eine Qualifizierung der Peripherien
anstreben, und denen, die die historischen Kernstädte revitalisieren
möchten, ist nicht hilfreich. Der CEU wendet sich gegen jede unfruchtbare
Lagerbildung, gegen die Diskriminierung von architektonischen Stilen a
priori, gegen die Isolierung von Form und Inhalt, von Prozess und Produkt.
Der CEU setzt sich für eine städtebauliche Perspektive ein, die die gesamte
Stadt-Region ins Visier nimmt.
4. Brücke zwischen Institutionen und Netzwerken des Städtebaus
Der Council for European Urbanism (CEU) ist nicht der Meinung, dass die oben
angesprochenen Aufgaben ausschließlich in seine Kompetenz fallen und nicht
auch von anderen Netzwerken und Institutionen engagiert angepackt werden.
Nur durch eine Verstärkung der Zusammenarbeit von allen Netzwerken und
Institutionen, denen die Zukunft der europäischen Stadtregionen am Herzen
liegt, können Erfolge erzielt werden. Der Council for European Urbanism (CEU)
strebt daher eine Zusammenarbeit mit Netzwerken und Institutionen an, die
sich explizit oder implizit um einen qualifizierten Städtebau kümmern,
insbesondere mit den Fachverbänden in den Bereichen Architektur,
Landschaftsplanung, Stadt- und Regionalplanung und Städtebau, mit
staatlichen Institutionen auf unterschiedlichen Ebenen, mit
wissenschaftlichen Institutionen und Netzwerken, mit Verbänden und
Einrichtungen der Immobilienwirtschaft und mit zivilgesellschaftlichen
Initiativen. Bei dieser Zusammenarbeit sollte das Verbindende im Vordergrund
stehen, während über das Trennende konstruktiv diskutiert werden muss.
5. Brücke zwischen Europa und den USA
Das Verhältnis zwischen Europa und den USA ist zur Zeit belastet. Vieles,
was aus den USA kommt, wird mit Misstrauen betrachtet. Das gilt auch für den
Städtebau. Dafür gibt es durchaus Gründe: Verfall der Großstadtzentren,
soziale Segregation und hemmungslose Zersiedelung waren Kennzeichen der
US-amerikanischen Stadtregionen. In den USA hat sich aber auch eine
städtebauliche Reformbewegung herausgebildet, die sich gegen Verfall und
Zersiedelung richtet. Ihre Aktivitäten haben bereits einiges bewirkt. Im
Kontext dieser breiten Reformbewegung hat sich der Congress for the New
Urbanism weit über die Fachwelt hinaus einen Namen gemacht. Der CEU begreift
sich als Partner des Congress for the New Urbanism (CNU) und anderer
Städtebau-Bewegungen, sei es in Australien, in Neuseeland oder des Movement
for the Israeli Urbanism (MIU).
Angebot:
Das Brückenbauen kann und muss sich in der praktischen Arbeit bewähren. Die
Stadtregion von New Orleans wurde von einer Naturkatastrophe getroffen und
weitgehend zerstört – eine menschliche Tragödie größten Ausmaßes. Wir
erklären unsere Solidarität mit New Orleans und ihren Bewohnern. Der
Wiederaufbau wird eine große Herausforderung für alle werden.
• Wir schlagen vor, eine transatlantische Brücke aus Fachleuten der USA und
Europas zu bilden, um nach Perspektiven für eine Rekonstruktion der
Stadtregion von New Orleans zu suchen.
• Wir schlagen vor, in absehbarer Zeit eine gemeinsame interdisziplinäre
Urbanistische Konferenz – zusammen mit dem CNU und anderen Organisationen -
durchzuführen, um Kräfte zu bündeln und Strategien zu erörtern.
• Mitglieder des CEU bieten eine Unterstützung an in den Bereichen der
regionalen und sozialen Planung, des Wasser-Managements und des Wohnungsbaus
in hochwassergefährdeten Gebieten.
Auszeichnung für Leistungen im europäischen Städtebau
Während des Kongresses vergab der Council for European Urbanism seine erste
Auszeichnung – die CEU-Auszeichnung für Leistungen im europäischen Städtebau
2005 – an Dr. Hans Stimmann, Senatsbaudirektor von Berlin.
Council for European Urbanism Germany
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